Ich lebe in München- Untergiesing, komme aber aus Frankreich. Für ein Zusammenleben in der Gemeinschaft sind für mich Toleranz und Offenheit wichtig. Viele Menschen wollen einfach eine Wohnung, wo sie die Tür zu und den Fernseher anmachen können. Diese Einstellung muss sich ändern. Man sollte bereit sein, zu den Nachbarn zu gehen und sich vorzustellen mit den Worten: „Hallo, ich bin der neue Nachbar!“

Ich meine, dass die Generation, die jetzt um die 30 Jahre alt ist, anders ist als die Generation unserer Eltern. Sie suchen nicht in erster Linie Karriere, sondern z.B. Nähe und Zusammenleben. Immer mehr Menschen interessieren sich für Urbanismus, und viele fangen an, Bio zu essen. Wenn die heutigen Studenten Stadtplaner sein werden, wollen sie mehr Fahrräder, mehr Grün und einen Ort, wo pure Natur ist, aber nicht nur zum Anschauen sondern auch, um den Kindern die Natur zu erklären und Verständnis zu wecken. Auch wird immer mehr soziales Engagement verlangt, wie die Mitgliedschaft in Vereinen oder die Teilnahme an einer humanitären Mission, wenn man einen Job haben will.

Im Vergleich zu Frankreich ist in Deutschland der soziale Aspekt weniger stark ausgeprägt. Im Gegenzug ist in Deutschland das Umweltbewusstsein stärker. Hier betrachtet man die Natur als ein Gut, das der Mensch nicht kontrolliert, von dem er aber profitieren kann. In Frankreich überwiegt der wirtschaftliche Aspekt, bei der die Natur als Rohstoff angesehen wird. Selbst bei den Friedhöfen wirken sich die unterschiedlichen Betrachtungs-weisen aus: während hier die Friedhöfe meist grün sind, hat man sie in Frankreich komplett betoniert.

Die Unterschiede sind historisch und kulturell bedingt. Auch die 68iger Revolution hat in beiden Ländern zu einem anderen Ergebnis geführt. Während sie in Frankreich gewaltsam verlief, die Menschen aber von ihr in sozialer Hinsicht profitierten, beruhigte sich das Aufbegehren in Deutschland und mündete in die Gründung der Grünen als Partei.

München wünsche ich weniger Autos, stattdessen mehr Fahrräder und Fußgängerzonen. Es fällt mir auf, dass die Menschen hier ganz überwiegend in ihren Autos allein fahren, während in Bolivien, wo ich vor drei Wochen war, die Autos immer voll sind, weil nur die sehr reichen Leute allein fahren. Wenn die Münchner stattdessen mit den Öffentlichen oder zu mehreren im Auto unterwegs wären, hätten sie mehr Gelegenheit, sich auszutauschen und neue Kontakte zu knüpfen.

August 2016 mb/sk

Zurück