Unser Zuhause ist sowohl in Deutschland als auch in Frankreich. Dementsprechend teilen wir uns die Zeit auf: ein Drittel verbringen wir in Südfrankreich, ein Drittel hier in Deutschland, und der Rest der Zeit reisen wir um die Welt. Bei der „Never Again“-Veranstaltung sind wir heute zum einen wegen dem Gedenktag und zum anderen wegen der Kunstinstallation.

Sie: Da ich aus Frankreich komme, ist für mich heute der 11. November und ich bin daran gewöhnt, dass es egal ob Sonntag oder nicht, immer ein Feiertag ist.

Er: In Deutschland ist dieser Gedenktag deutlich weniger präsent. Man muss mit bedenken, dass der Erste Weltkrieg für Frankreich die Katastrophe schlechthin war. Das war im Herzen Frankreichs, wo fast jede Familie ein Todesfall zu beklagen hatte. Viele junge Leute sind dabei gestorben. Insofern ist der Erste Weltkrieg sehr stark auch in der Gefühlswelt der Franzosen verankert.

Er: Es gibt kaum eine Ortschaft in Frankreich, wo nicht ein Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges steht. Ich kann mich nicht erinnern hier in Deutschland, ein Denkmal dieser Art zu sehen, wo zum Beispiel ein Dorf seine gefallenen Kinder gedenkt.

Sie: Die Freunde und Freundinnen von mir, die einen Großvater hatten, der in Verdun gefallen ist, bekommen noch bis heute jedes Jahr kostenlos ein Zugticket nach Verdun, um die Gedenkstätten zu besuchen. All die Namen der Gefallenen wurden auf den Monumenten eingraviert, und sie werden immer am 11. November mit vielen Blumen geehrt. Man muss sagen, im Zweiten Weltkrieg waren wir eher besetzt von euch [sagt zu ihm], aber da haben wir zumindest nicht so viele Leute wie in diesem Krieg verloren. Das hat die gesellschaftliche Struktur so stark verändert, dass es hinterher in Frankreich nie wieder so war, wie vorher. Es gibt heute noch leere Häuser in Dörfern, die seit genau 100 Jahren verlassen stehen, von denen, die nie zurückgekommen sind.


Das Thema Miteinander ist für uns sehr wichtig. Dabei gelingt es uns erheblich leichter in Frankreich mit anderen Menschen aus der Umgebung in Kontakt zu kommen, als in unserem Viertel in Solln.

Sie: Das liegt vor allem an der von Wohlstand geprägten Mentalität und an dem Desinteresse an vielen Dingen, die uns berühren. Aber wir sind nur ein paar Monate hier und dann hauptsächlich, um Flüchtlingen zu helfen und um in einer Berufsschule zu unterrichten. Ansonsten sind wir abseits vom Geschehen in diesem Viertel.

Er: Die Einwohnerschaft im Viertel ist tatsächlich eher konservativ eingestellt, sofern wir es beurteilen können, und eher abhold jeglicher Veränderung. Das ist ein gesättigtes Bürgertum - hauptsächlich Jeep-Fahrer und solche Leute.

Sie: Es gibt bestimmt in Schwabing oder woanders gute Diskussionen und auch viel mehr Initiativen zu den Themen, die uns am Herzen liegen, aber in Solln gibt es keine einzige solche Initiative.

Er: Zum Glück sieht es in der Stadt insgesamt viel besser aus. München selbst ist ja erheblich engagierter und tut viel für alle Belange. Für die Jugend, für das Sich-Erinnern, für das Miteinander und besseres Auskommen - da ist München sicherlich sehr aktiv. Solln hingegen könnte vom Zuzug jüngerer Leute sehr profitieren. Weil das eine gesättigte Landschaft ist, die relativ unveränderlich ist und bleibt, so wie es sich jetzt darstellt.

Sie: In unserem Hochhaus wünschten wir uns alle Farben dieser Welt, weil erst die Buntheit die Gesellschaft ausmacht. Das ist zum Beispiel der Fall in Frankreich - da ist sehr bunt und das gefällt uns viel besser so.

November 2018 isch/sk

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