Ich wohne seit 30 Jahren – mit einer Unterbrechung von drei Jahren – in München-Obergiesing, in der "Ami-Siedlung". Das ist eine sehr eigene Siedlung, weil sie durch ihre Baustruktur, die ursprünglich für eine amerikanische Kaserne konzipiert wurde, vom Rest der Stadt fast hermetisch abgeschlossen ist. Umso besser kennen sich die Leute innerhalb der Siedlung. Wir haben eine Grundschule, eine Mittelschule, einen Kindergarten und eine Kinderkrippe – so lernt man sich gut kennen.

Bis heute erhalten geblieben sind nur Baustruktur und Straßennamen. Diese sind größtenteils amerikanisch geprägt, wie zum Beispiel die Cincinnatistraße, die Pennstraße oder der General-Kalb-Weg. Von den Leuten, die dort wohnen, kann man eigentlich nicht mehr sagen, dass sie amerikanisch geprägt sind. Eine Zeitung gibt es zwar noch, die man sogar für einen Dollar kaufen kann, aber im Großen und Ganzen gibt es das typisch Amerikanische nicht mehr.

Ein gutes Beispiel für ein Miteinander bei uns in der Siedlung ist das Sommerfest oder auch das Nikolaus-Fest. Außerdem gibt es zweimal im Jahr auf dem Schulgelände einen großen Flohmarkt, bei dem der Elternbeirat sehr aktiv mitwirkt. Auch im Red Dragon Jugendzentrum sind viele Anwohner aus der Siedlung aktiv dabei. Neben dem Programm für Jugendliche werden zum Beispiel Urban Gardening Veranstaltungen angeboten, wo man sich ein Hochbeet besorgen und es bepflanzen kann.

Organisatorisch hängt dabei vieles – so meine Einschätzung – vom Engagement von Einzelpersonen ab. Zum Beispiel bei der Bürgerinitiative Amisiedlung von Tom Majer, der sehr viel Energie reinsteckt und andere Leute begeistert und mitnimmt.

Für die Zukunft würde ich mir wünschen, dass das Leben in München nicht zu teuer wird und der Gentrifizierung Einhalt geboten werden kann. Die Wohnungen in der Siedlung sind ganz, ganz toll und auch einigermaßen groß. Der parkartige Charakter mit viel Grün steht aus meiner Sicht auf dem Spiel. Gott sei Dank bleibt er im Augenblick unberührt, weil dies vom Bund gesteuert wird und die Stadt daher nicht einfach sagen kann: "Wir müssen nachverdichten".

Ich würde mir daher von der Stadt wünschen, dass sie diese Oasen, die wir noch haben, nicht aufs Spiel setzt, sondern sich um andere Bereiche kümmert und die in Ruhe lässt, die doch einigermaßen gut funktionieren.

März 2019 mb/sk

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