Als ich hier neu war,  fand ich München sehr schlimm, das ist jetzt 10 Jahre her. Ich habe schon in anderen Städten gewohnt, aber München fand ich die schwierigste Stadt, weil alles so anonym ist.

Man wird auf der Straße nur angesprochen, wenn man irgendwas falsch gemacht hat und dafür beschimpft wird. Ich finde, die Menschen reden nicht miteinander, beispielsweise wenn man gemeinsam beim Bäcker wartet. Ich habe mich daran gewöhnt.

Vor einem Jahr habe ich ein Kind bekommen und seitdem werde ich öfter auf der Straße angesprochen, ältere Leute bleiben stehen und erzählen mir Geschichten aus ihrem Leben oder auch ihre Sorgen. In dem Viertel, in dem ich jetzt seit einem Jahr lebe, lerne ich langsam mehr Leute zumindest vom Sehen kennen. Manchmal unterhält man sich auch. Selbst im Supermarkt, die Kassierer erinnern sich an einen und fragen "Wie geht's?"

Generell finde ich es schade, dass es so wenige Kontaktmöglichkeiten gibt. Ich denke, das ist ein Problem der großen Stadt,  man begegnet sich einfach nicht so oft. Nur in meinem Haus kenne ich alle Nachbarn. Wir sitzen manchmal im Hof zusammen und ratschen.

Öffentliche Räume sind wichtig. Beispielsweise Spielplätze - man geht einfach hin und trifft  die gleichen Kinder, die vorgestern schon mal da waren und irgendwann fragt man nach Namen. Anders bei den Cafés, es gibt so viele und man geht immer wieder in ein anderes, da trifft man nicht die gleichen Leute. Auch an der Isar sind viele Menschen, aber meist bleibt man auf dem eigenen Handtuch, für sich und geht später wieder nach Hause. Es gibt auch Nachbarschaft-Zentren, aber da war ich noch nie. Fällt mir nicht leicht und ich weiß auch nicht, wann ein guter Tag und wann offen ist.

Ich glaube, dass die Menschen sehr mit sich selbst beschäftigt sind. Sie müssen arbeiten, um die Miete zu zahlen. Und sie haben immer so viel zu tun, dass keine Kraft mehr bleibt für Andere und Anderes. Ich würde mir wünschen, dass die Leute offener aufeinander zugehen, mehr lächeln und auf der Straße mal was Nettes sagen, nicht nur schimpfen.

Juni 2018 isch/ap

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